Canon RF 100-500mm f/4.5-7.1 L IS – Erfahrungsbericht

Letzten Sommer konnte ich für rund 2 Monate das RF 100-500 f/4.5-7.1 L IS von Canon testen. Man kann dieses Objektiv wohl als Nachfolger des EF 100-400mm f/4.5-5.6 L IS II betrachten. Letzteres konnte ich leider selbst nur kurz testen und konnte auch keinen Direktvergleich machen. Allerdings konnte ich mit dem RF100-500 sowohl Spanien als auch in Russland etliche Fotos machen und Erfahrungen mit dem Allround-Teleobjektiv sammeln. Dazu habe ich bereits ein YouTube Video gemacht. Schaut es euch doch einmal an, es ist in gewissen Punkten noch etwas ausführlicher als dieser Blogbeitrag.

Specs & Handling

Mit 1530g kommt einem das Objektiv sehr leicht vor, zumindest persönlich war ich angenehm überrascht, als ich es das erste Mal in die Hand nahm. Die kompakte Bauweise ist nur dadurch möglich, dass der Tubus beim Zoomen ausfährt, was bei einem solchen Objektiv für mich auch kein Problem ist. Wie bei einem L-Teleobjektiv nicht anders zu erwarten, kommt es in der weissen Lackierung mit dem typischen roten Ring. Das Objektiv ist gegen Staub und Spritzwasser abgedichtet und macht generell einen hochwertigen und stabilen Eindruck. Da auch mein 16-35/4 und 70-200/2.8 ein 77mm Filtergewinde haben, finde ich es durchaus angenehm, beim RF100-500 die gleichen Filter ohne Adapter nutzen zu können. Apropos Filter: Setzt man einen Polfilter ein, so wird man den einfachen Zugriff bei der Sonnenblende sehr schätzen. Die Sonnenblende ist – genau wie die Stativschelle – im Lieferumfang enthalten.

Das Objektiv wird mit Stativschelle, Sonnenblende und einer kleinen Tasche (nicht abgebildet) geliefert.

Die Kamera ist mit vier Ringen ausgestattet: Dem Objektiv-Steuerring, dem Fokusring, dem Smooth-Tight-Ring und dem Zoomring (von hinten nach vorne). Der Smooth-Tight-Ring erlaubt es einzustellen, wie leicht sich der Zoomring drehen lässt. Leider hat dieser sich in meinem Rucksack immer wieder verstellt. An den anderen Ringen gibt es nicht viel auszusetzten, auch wenn ich mir beim Zoomring gewünscht hätte, dass man mit weniger Drehung von 100 auf 500mm reinzoomen kann. Schliesslich fand ich die Position des Objektiv-Steuerrings etwas ungünstig: Besonders wenn man auf 500mm zoomt wird das Objektiv einfach zu kopflastig, als dass ich diesen noch gut bedienen könnte. Hier hätte ich mir gewünscht, dass dieser Ring ganz vorne oder auf Höhe des Smooth-Tight Rings wäre.

Auf der Seite des Objektivs befinden sich die Schalter für die Umstellung von AF auf MF, der Fokusbregrenzer (FULL oder 3m-∞), Stabilisator ON-OFF und den Modus des Stabilisators (1,2 oder 3). 

Die Naheinstellgrenze des Objektivs beträgt bei 100mm 0.9m und bei 500mm 1.2m. Dies ist ein sehr geringer Wert und resultiert in einem maximalen Abbildungsmassstab von 0.33x. Für die Vogelfotografie mag dies nicht so relevant sein, doch wer das Objektiv für ein paar „Gelegenheitsmakros“, wie zum Beispiel das Fotografieren von Libellen, Amphibien oder Blumen einsetzt, der wird dies sehr zu schätzen wissen. 

Durch die kurze Naheinstellgrenze lassen sich auch kleine Motive gross abbilden.

Bildqualität

Dies wird ein sehr kurzer Abschnitt – viel kürzer als ich es erwartet hätte. Um es ganz knapp auszudrücken: Die Schärfe ist absolut top! Ich habe einige „Feld-Vergleiche“ mit dem EF 600 f/4 L IS II gemacht und muss sagen, dass man von der Schärfe kaum Unterschiede sieht. Dass das 600/4 mehr Details zeigt, liegt natürlich daran, dass es 100mm mehr Brennweite aufweist. 

R5 | RF100-500 @ 700mm | f/10 | 1/1600 Sek | ISO 1000 – Originaler Ausschnitt
R5 | EF 600/4 II @ 840mm | f/6.3 | 1/1600 Sek | ISO 400 – Originaler Ausschnitt

R5 | RF100-500 @ 700mm | f/10 | 1/1600 Sek | ISO 1000 – Crop

R5 | EF 600/4 II @ 840mm | f/6.3 | 1/1600 Sek | ISO 400 – Crop

Am Vergleichsfotos des Seeregenpfeifers sieht man die Unterschiede zum EF600. Während das RF100-500 bei der Bildschärfe sehr gut mithalten kann, fällt auf, dass die Unschärfekreise nicht nur kleiner sind (aufgrund der tieferen Lichtstärke), sondern subjektiv auch weniger schön sind.

Autofokus

Bevor ich das Objektiv testen konnte, habe ich bereits von anderen Fotografen gehört wie sagenhaft der Autofokus dieses Objektivs sein soll. Als RF Objektiv harmoniere es hervorragend mit der R5 und sei nicht mit den „alten“ EF-Superteles zu vergleichen. Hier habe ich leider andere Erfahrungen gemacht. Versteht mich nicht falsch, der AF ist definitiv gut und in den meisten Situationen konnte ich kaum einen Unterschied zum EF 600 f/4 L IS II feststellen. Gerade wenn es jedoch darum ging, Schwalben im Flug zu fotografieren und das Licht langsam knapp wurde, kam das RF100-500 jedoch nicht ansatzweise an den AF meines EF 600 f/4 L IS II ran. 

Flamingos in der Lagune (R5 | RF 100-500 | 135mm | 1/30 Sek | f/10 | ISO 400)

Noch einmal: Ich war mit dem AF echt zufrieden und finde den Vergleich eines Zoom-Objektivs und einer Festbrennweite auch nicht ganz fair. Man darf von dem RF Mount an dieser Stelle einfach keine Wunder erwarten. 

Bildstabilisator

Canon gibt an, dass der optische Bildstabilisator 5 Blendenstufen kompensiert und zudem noch mit dem IBIS der R5 kooperiert und so eine weitere Blendenstufe liefern soll. Grundsätzlich finde ich diese Herstellerangaben immer etwas optimistisch, besonders wenn man die 45MP Fotos 1:1 anschaut. Wenn ich es jedoch mit meinem EF 600 f/4 L IS II vergleiche, dann merkt man schon einen heftigen Unterschied in der Stabilisierung. Gerade wenn man freihand filmt, fällt dies extrem auf. Hier hat Canon wirklich tolle Arbeit geleistet.

Gerade unter den Bäumen kann es bei f/7.1 schon einmal knapp mit dem Licht werden. Mehr als die Hälfte der Freihand-Aufnahmen waren jedoch bei 1/30 Sek (500mm) noch scharf.

Wie lange kann man nun freihand bei 500mm noch fotografieren? Dies hängt natürlich sehr vom Fotografen, der Aufnahmeposition, der Tageszeit, usw. ab, weshalb ich hier keine allgemein sinnvollen Aussagen machen kann. Ich habe einmal versucht, bei wenig Licht noch zu fotografieren und bei einer 1/30 Sekunde waren noch ca. 60-75 % der Fotos gestochen scharf. Mit dem EF 600 f/4 L IS II hätte ich höchstens einen Drittel dieser Quote erreicht.

Konvertertauglichkeit

Das RF100-500 kann sowohl mit dem 1.4x und 2x Extender verwendet werden – allerdings mit einigen Einschränkungen. So können die Konverter aufgrund des Tubus erst ab 300mm eingesetzt werden. Mit dem 1.4x Konverter erhält man so ein 420-700mm Objektiv, mit dem 2x ein 600-1000mm. Die Lichtstärke wird dabei natürlich um eine resp. zwei Blenden reduziert, so dass man am langen Ende f/10 bzw. f/14 als Offenblende hat. 

Ich konnte persönlich lediglich den 1.4x Konverter testen. Dieser lieferte selbst bei Offenblende gestochen scharfe Ergebnisse, wie man am Foto des Wiedehopfes hoffentlich gut sehen kann. Auch der Autofokus funktionierte weiterhin zügig und zuverlässig.

R5 | RF100-500 @ 700mm | f/10 | 1/500 Sek | ISO 1000 – Originaler Ausschnitt
R5 | RF100-500 @ 700mm | f/10 | 1/500 Sek | ISO 1000 – Crop

Zusammenfassung

Hier nun möglichst kurz und knapp die wichtigsten Vor- und Nachteile dieses Objektiv und mein persönliches Fazit.

Vorteile

  • Leichte und kompakte Bauweise
  • Ausgezeichnete Bildqualität, auch mit Konverter
  • Flexibler Zoombereich
  • Hochwertiges und durchdachtes Design

Nachteile

  • Eher schwache Lichtstärke
  • Relativ hoher Preis
  • Konverter erst ab 300mm nutzbar

Fazit: Wie ihr aus dem Erfahrungsbericht ja rauslesen könnt, halte ich das RF100-500 für ein hervorragendes Objektiv. Ich habe mir lange (und immer wieder) überlegt, ob ich es mir kaufen soll oder nicht. Das einzige, dass mich eigentlich gestört hat, ist die relativ schwache Offenblende und damit verbundene Hintergrundauflösung. Da ich das EF 600/4 habe, wäre das RF100-500 nur meine „sekundäre“ Wildlife Linse, welche zum Einsatz kommen würde, falls ich einmal zahmere Tiere fotografieren oder Fotos mit etwas mehr Habitat machen möchte. Für diesen Zweck habe ich bis jetzt das EF 70-200 f/2.8 L IS II genutzt, bei Bedarf mit dem 1.4x Konverter (280mm f/4). Auch wenn dieses Objektiv schon etwas älter ist, und somit in Sachen AF und IS nicht mithalten kann, erziele ich damit doch einen deutlich ruhigeren Hintergrund – und das ist mir persönlich sehr wichtig. Daher werde ich momentan beim 70-200/2.8 bleiben, auch wenn ich den besseren AF und den grösseren Zoombereich des RF 100-500 ab und zu vermissen werde.


Falls ihr das Objektiv kaufen möchtet, so würde es mir weiterhelfen, wenn ihr es über einen der folgenden Affiliate Links machen würdet. Ihr zahlt dabei keinen Cent mehr, ich erhalte jedoch eine kleine Provision.

Calumet Photo: https://tidd.ly/3q5xjVt

Amazon: https://amzn.to/3C2YF2M


Anmerkung: Canon hat mir das Objektiv zum Testen zur Verfügung gestellt. Für meine Reviews erhalte ich kein Geld, Canon hat keine Mitsprache und sieht diese Reviews auch erst nachdem ich sie veröffentlicht habe. Da ich die Marke Canon explizit nenne, kann dies dennoch als Werbung aufgefasst werden.


RF 100-500 Beispielfotos

Abonniere meinen Newsletter (erscheint ca. 6 mal im Jahr)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.